Bis Ende 2023 war Andreas Kunz Chefredakteur des FONO FORUM, das als wichtigstes deutschsprachiges Klassikmagazin gilt. Was ist seine Motivation für die eigene Arbeit?
Wie bist Du Chefredakteur des FONO FORUM geworden?
Bereits Anfang der 2000er-Jahre habe ich fürs FONO FORUM geschrieben. Parallel leitete ich den Musikteil der Zeitschrift STEREO und konzipierte Ratgeber-Serien zu Themen wie „Musikgenuss für Schwerhörige“. Damit machte ich auf mich aufmerksam, schon immer habe ich gerne eigene Ideen realisiert. Als ich 2020 Chefredakteur wurde, ist ein Traum in Erfüllung gegangen.
Über welche Eigenschaften sollte ein guter Chefredakteur verfügen?
Vermutlich kennst Du den Witz: „Was ist Meinungsaustausch? Wenn ich mit meiner Meinung zum Chef gehe und mit seiner Meinung zurückkomme“. Persönlich habe ich jedoch die Erfahrung gemacht, dass die produktivsten Ideen oft gemeinsam im Team entwickelt werden, Stichwort „Zusammenarbeit auf Augenhöhe“. Wobei ein respektvoller Umgang miteinander einschließt, dass meine Position als Leiter des Redaktionsteams anerkannt wird.
Antrieb für das eigene Schaffen
Was begeisterte Dich bei Deiner Arbeit besonders?
Die vielen Gestaltungsmöglichkeiten: Jede FONO FORUM-Ausgabe verlangte eine eigene Themenkonzeption, dabei lernte ich immer wieder etwas Neues. Bis heute fasziniert mich die Aura des Virtuosen auf der Konzertbühne, der die Bestie Publikum zu bändigen sucht, aber auch der Blick hinter die Kulissen: Das betrifft neben Kulturpolitik auch die Frage, wer den Konzertbetrieb am Leben hält. Ich liebe packende Interviews und Reportagen über Klaviertechniker, Musiker-Mediziner oder Konzertagenten, ebenso Porträts über zu Unrecht vergessene Tonkünstler: Unfassbar, wie viele herausragende Komponistinnen es allein im Frankreich des 19. Jahrhunderts gab.
Nur wer Musik selbst zu spielen vermag, könne auch kompetent über sie urteilen, so lautet ein typischer Vorwurf gegenüber Musikjournalisten.
Als Meinungs-Eunuch sehe ich mich keineswegs (lacht). Um die Relevanz eines künstlerischen Ereignisses einschätzen zu können, muss man selbst kein praktizierender Künstler sein. Voraussetzen darf man aber eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Werk und viel Motivation für die eigene Arbeit.
Wurde Dir die Liebe zur Klassischen Musik in die Wiege gelegt?
Nein, zur Klassik habe ich durch Zufall gefunden. Als ich zehn Jahre alt war, schenkten meine Großeltern mir ein 100 Jahre altes, ramponiertes Klavier, in das ich mich augenblicklich verliebte. Nach hartnäckigem Betteln bei meinen Eltern erhielt ich mit 12 Jahren ersten Klavierunterricht, allerdings nur bei einer älteren Schülerin. Nach einer Phase der Frustration sparte ich für ein Yamaha-Klavier und konnte mit 16 endlich Unterricht bei einem ausgebildeten Klavierlehrer nehmen.
Für eine Pianistenkarriere war es da wohl zu spät?
Ja, leider. Wobei ich immerhin so viel gelernt hatte, dass ich später mein Taschengeld mit Unterricht für Anfänger und als Begleiter an einem Kieler Gesangstudio aufbessern konnte. Aber mein Fokus lag eh darauf, mein Wissen über Musik zu vertiefen. Vor allem Büchereien habe ich dafür durchforstet und fast mein gesamtes Geld in Schallplatten investiert.
Da lag es nahe, dass Du nach der Schulzeit Musikwissenschaft studiert hast.
Ja, genauer gesagt Systematische und Historische Musikwissenschaft und Psychologie. Außerdem begleitete ich im Auftrag des Landesmusikrats Hamburg das Hip-Hop-Projekt „Strassenkrach“ und veröffentlichte bei Peter Lang eine Studie über „Aspekte der Entwicklung des persönlichen Musikgeschmacks“. Später habe ich dann Frido Mann bei seinem autobiografischen Essay „An die Musik“ beraten, er beschäftigt sich dort unter anderem mit dem musikalischen Erbe der Familie Mann.
Musikalisches Erbe der Familie Mann
Ist er wie sein Großvater Thomas Mann ein glühender Anhänger von Richard Wagner?
Nein, ganz im Gegenteil. „Für mich hat die romantisch verklärte … Note in fast allen Opern Wagners am ehesten etwas von einem Untergangszauber, einer wahnhaften Todesschwelgerei. In meinen Augen ist der Tod jedoch viel zu ernsthaft …, als dass er eine solche schmachtend schwülstige Romantik verträgt“, bekennt er in seinem Buch.
Was hat Dich zum Journalismus geführt?
Im Unterschied zur Wissenschaft begeistert mich beim Journalismus die große Anschaulichkeit sowie – da bin ich ehrlich – auch ein gewisser „Spaßfaktor“. Was gibt es Schöneres, als wenn ein Beitrag den Nerv des Lesers trifft! Ich bin dankbar, eine journalistische Ausbildung zum „Fachzeitschriftenredakteur“ beim Klett Wirtschafts- und Bildungsservice erhalten zu haben, ergänzt durch ein Volontariat beim Reiner H. Nitschke Verlag. Später habe ich diesen Fundus vertieft, zum Beispiel im Rahmen eines Stipendiums der Bertelsmann Stiftung für junge Musikkritiker.
Welche Interessen hast Du neben Musik?
Ich bin ein begeisterter Sportler, vor allem passiv (lacht). Besonders interessiere ich mich für Handball, Fußball und Schach und verschlinge Bücher über Sportgeschichte, Spielstrategien und berühmte Persönlichkeiten.
Wie gesellig bist Du?
Musik ist ein Band, das mich mit anderen Menschen verbindet, beruflich wie privat. Liebend gern tausche ich mich nach Konzerten über das Erlebte aus oder musiziere gemeinsam mit Freunden. Die meisten meiner Freunde habe ich über das Medium Musik kennengelernt – übrigens auch meine Frau, eine ehemalige Tanzpädagogin.
Du bist in Frankfurt am Main geboren, in der ländlichen Region um Kiel aufgewachsen, hast dann in Hamburg studiert und wohnst nun in Köln: Wo fühlst Du Dich am wohlsten?
Frei nach einer Liedzeile meines – fast – Namensvetters Heinz Rudolf Kunze: „Zuhause ist, wo man mich hört“. Also dort, wo ich als Mensch ernst genommen werde. An den Norddeutschen schätze ich die Treue, am Rheinland das „Laissez-faire“ und die Lebensfreude.
KI wird Komponisten oder Dirigentinnen nicht ersetzen
Die FONO FORUM-Ausgabe 1/2024 war Deine letzte als Chefredakteur, die Zeitschrift wurde von einem anderen Verlag übernommen: Wie lautet Dein Fazit?
Ich bin stolz darauf, Impulse gesetzt zu haben. Zum Beispiel mit der neu eingeführten Rubrik „Lieblings-Musikbuch“, wo Autoren auf persönliche Weise schilderten, welche Musikbücher ihr Leben geprägt haben. Oder mit Heft-Schwerpunkten am Puls der Zeit wie „Das Konzert der Zukunft“, „Frauen in der Klassik“, Musik und Natur“ – oder „Künstliche Intelligenz“, mit deren Hilfe 2021 Beethovens 10. Sinfonie vollendet wurde. Wobei ich nicht glaube, dass KI in Zukunft Komponisten, Dirigentinnen oder Pianisten verdrängen wird, Persönlichkeit ist unersetzlich für die Kunst.
Hat die Klassik eine Zukunft?
Berichterstattung über die Klassikbranche gleicht oft genug einem Bulletin des Leidens. Vor allem das Wegsterben des Bildungsbürgertums wird zu Recht betrauert, das Publikum ist heute im Durchschnitt älter und hat weniger Vorkenntnisse als früher. Neben der traditionellen Form des Klassikkonzerts sollten Konzertveranstalter deshalb stärker auf Präsentationsformen setzen, die der Lebenswirklichkeit einer diversen Gesellschaft entsprechen. Ein Beispiel dafür sind halbstündige „After-Work-Konzerte“ an Orten wie Berufsschulen oder Cafés, die flexiblen Arbeitszeitmodellen und kürzeren Aufmerksamkeitsspannen entgegenkommen. Ergänzend könnten Beleuchter die Bühne in rotes, gelbes oder blaues Licht tauchen – je nach musikalischer Stimmung. Oder man folgt dem Beispiel des Stegreif-Orchesters: Das stellt aus Originalkompositionen, Bearbeitungen und Improvisationen neuartige Programme zusammen und lässt die Bestuhlung aus Sälen entfernen, so dass das Publikum im Raum umhergehen und tanzen kann. Um diese Entwicklung aktiv zu begleiten und zu unterstützen, habe ich mich in Kulturmanagement, Social Media, Online-Marketing und Online-Journalismus fortgebildet. Ich bin überzeugt davon, dass die Magie großer Musik niemals erlischt.

