
Das Klassikkonzert steckt in der Krise: Die Opern- und Konzerthäuser der Republik sind längst nicht so gut gefüllt wie vor der Pandemie. Vor allem bereitet die Alterstruktur des Publikums Sorgen. So hat das 9. Kulturbarometer des Zentrums für Kulturwirtschaft ergeben, dass zwischen 1993/94 und der letzten Erhebung 2010/22 der Anteil der 18- bis 24-jährigen an den Besuchern von Klassikkonzerten deutlich zurückgegangen und zugleich der Anteil der über 65-Jährigen massiv gestiegen ist. Immer öfter wird die Vergreisung des Publikums beklagt, die Metapher vom „Silbersee im Zuschauerraum“ macht die Runde. Die Gründe dafür liegen auf der Hand.
Bittere Realität
Zwar belegt eine 2014 veröffentlichte Forsa-Umfrage der Körber-Stiftung, dass immerhin 84 Prozent der befragten jungen Menschen klassische Musik für ein wichtiges kulturelles Erbe halten. Umso bitterer aber, dass dieser Teil der Bevölkerung sich ausgeschlossen zu fühlen scheint, weil ihm die kulturellen Codes fehlen. Aber vielleicht haben die Jüngeren auch schlicht das Interesse am traditionellen Klassikkonzert verloren. Zwei Stunden regungslos auf seinem Platz zu sitzen und andere Rituale gelten zunehmend als verstaubt in einer Generation, die medial durch YouTube oder TikTok geprägt wird. Mit der Folge, dass sich Erwartungen an Musikprogramme und Präsentationsformen geändert haben. Doch wie kann das Klassikkonzert der Zukunft aussehen?
Innovative Konzertformate gefragt
Zweifellos bedarf es neuartiger Konzertformate, um ein größeres und zugleich jüngeres Publikum zu gewinnen. Wichtig ist dabei die Nähe zu dessen Lebenswirklichkeit. Warum nicht halbstündige „Lunch“- oder „After-Work-Konzerte“ in Berufs-(Schulen) oder angesagten Cafés? Und warum ist immer noch schlichte Bühnenbeleuchtung Standard, wo Besucher von Popkonzerten doch längst atmosphärische Lichtregie zu schätzen gelernt haben?
Chancen von Virtual Reality
Vieleicht wagen experimentierfreudige Veranstalter ja sogar, die Popmusik in punkto Innovation zu überbieten. So könnte Werken von Beethoven & Co. eine künstlerisch gestaltete visuelle Ebene hinzugefügt werden, Beispiel „Pastorale“. Wie wäre es zum Beispiel, dass Konzertbesucher ergänzend zu dieser Natursinfonie per VR-Brille entsprechende Bilder erleben? Ganz im Sinne des Gesamtkunstwerks, von dem etwa Richard Wagner und Alexander Skrjabin träumten, würden so verschiedene Sinne zugleich angesprochen werden. Digitalaffine Menschen ließen sich ebenso erreichen wie an dem Thema „Natur und Nachhaltigkeit“ Interessierte – darunter viele Jüngere, die ja laut einer Studie des Deutschen Musikinformationszentrums stilübergreifend die fleißigsten Konzertbesucher sind.
Der Druck steigt
Fest steht, dass unsere Gesellschaft zunehmend diverser wird und sich damit auch der Kulturbegriff weitet. Damit droht die traditionelle Konzertform, immer mehr an Relevanz zu verlieren. Die Klassikbranche sollte rechtzeitig Antworten in punkto Klassikkonzert der Zukunft finden – sonst werden die hohen öffentlichen Subventionen schon bald nicht mehr zu rechtfertigen sein.
